Raumgleiter HERMES - Eine verpasste Gelegenheit für Europas bemannten Raumtransport (Teil 1)

 

Von Jürgen Herholz  

Der ehemalige ESA-Ingenieur skizziert das frühere Raumgleiter-Programm der ESA. Detailliert berichtet er von der Idee bis zur Konstruktion, dem Missionsszenario und der Integration auf der Ariane 5.

Der Versuch Europas, mit dem bemannten Raumtransporter HERMES in den illustren Klub des bemannten Raumtransports einzutreten begann 1985 und endete nach sieben Jahren intensiver und erfolgreicher Entwicklungsarbeit 1992 mit einer Entscheidung durch die Minister der am HERMES-Programm beteiligten Länder.
Mit HERMES sollte Europa über ein eigenständiges bemanntes Raumfahrtsystem verfügen, das aus dem eigentlichen Raumgleiter sowie allen erforderlichen Start-, Lande- und Versorgungseinrichtungen am Boden bestehen sollte. Der Start des Raumgleiters sollte mit der Ariane 5 erfolgen. HERMES sollte ursprünglich nur das frei fliegende europäische Raumlabor MTFF versorgen, das zu Beginn des HERMES-Programms als europäischer Beitrag zur Internationalen Raumstation ISS geplant war. HERMES sollte vertikal auf der Spitze einer Ariane 5 gestartet werden (Abb. 1) und nach Beendigung seiner Mission horizontal landen, ähnlich wie das US-Shuttle. Die Nutzlastkapazität der Ariane 5 beschränkte die Gesamtmasse von HERMES auf etwa 23 Tonnen in der ISS-Erdumlaufbahn.

Von einem Start mit dem auch kommerziell verwendeten Träger Ariane 5 versprach man sich einen wirtschaftlicheren Betrieb als das mit einem voll spezialisierten System wie dem US-Shuttle möglich ist. Außerdem benötigte bei diesem Konzept HERMES nur relativ wenig eigene Antriebsenergie und Treibstoff. Ein nicht zu vernachlässigender weiterer Vorteil des Ariane 5 / HERMES-Konzepts besteht auch in der wesentlich höheren Startfrequenz der Ariane 5 durch den kommerziellen Betrieb, die insgesamt zur erreichbaren Zuverlässigkeit des Gesamtsystems beiträgt.
Zum Zeitpunkt der Einstellung des HERMES-Programms Ende 1992 war die Entwicklung der Flugkonfiguration und kritischen Komponenten des Raumgleiters so weit fortgeschritten, dass der Bau eines Prototyps und damit das eigentliche Entwicklungsprogramm begonnen hätten.

HERMES-Missionsszenario
HERMES sollte mit einer Ariane 5 vom europäischen Raumfahrtzentrum in Kourou gestartet werden und mit drei Mann Besatzung und einer Nutzlast von drei Tonnen das im ursprünglichen europäischen Beitrag zur ISS vorgesehene eigenständige europäische Raumlabor MTFF (Man Tended Free Flyer) versorgen (Abb. 3). Das MTFF, von SPACELAB abgeleitet, sollte frei in der Nähe der Raumstation fliegen und nur von Zeit zu Zeit an der Raumstation andocken, zur Überholung oder Versorgung mit Grundgütern wie Wasser und Treibstoff (Abb. 2). Somit hätte HERMES auch als zusätzliches Transportmittel für Mitglieder der ISS-Mannschaft gedient.

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