RC-Stippvisite
Raketen unter Palmen

Ein Reisebericht aus dem Europäischen Raumfahrtzentrum Kourou!  

Von Detlef Köhler   
Eine kleine Gruppe von Raumfahrt-Enthusiasten folgte Ende Februar 2010 dem Ruf nach Kourou und kam mit unvergesslichen Eindrücken zurück. Beispielsweise konnte man sehr gut den Fortschritt der Arbeiten am neuen Sojus-Startgelände sehen, aber auch einen Einblick in die verschiedensten Kulturen von Französisch-Guyana gewinnen.

Schon vor dem Raumfahrtzeitalter erkannte der Pilot und Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry: "Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer." Diese Sehnsucht spürt man, wenn man von Europa überden Ozean nach Südamerika ins 7.700 Kilometer entfernte Französisch-Guayana fliegt. Denn heute ist das Meer der Weltraum und der beginnt dort direkt über dem Dschungel neben den Startanlagen.

Im Centre Spatial Guyanais (CSG), besser bekannt als das Europäische Raumfahrt
zentrum in Kourou, folgen täglich mehr als 1.500 Menschen dieser Sehnsucht nach dem Weltall. Man spürt es überall dort und hört es in jedem Gespräch: Im CSG wird Pionierarbeit für die Raumfahrt geleistet, auf die man stolz sein kann. Aus Begeisterung und Interesse für die Raumfahrt folgte unsere kleine Reisegruppe Ende Februar 2010 dem Ruf nach Kourou. Unsere Studienreise nach Französisch-Guayana führte die Reiseteilnehmer nicht nur an die Startplätze der Raketen Ariane, Sojus und Vega. Wir kamen ins Gespräch mit Ingenieuren, Technikern und Managern, welche direkt in die Startvorbereitungen – Kampagnen, wie man dort zu sagen pflegt – involviert sind. Obwohl auch eine gewisse Hektik wegen der für den 24.03. und 22.04. geplanten Ariane-Starts spürbar war, wurden wir mit Herzlichkeit und Offenheit empfangen, konnten so manchen Blick hinter die Kulissen werfen und einige Neuigkeiten direkt vor Ort erfahren.

Dazu zählten natürlich nicht nur die mittlerweile fast fertig gebauten Startanlagen für Vega und Sojus. Der neu gebaute Startplatz für die Kleinrakete Vega, die ab nächstes Jahr 1,5 Tonnen Nutzlast in den LEO bringen soll, befindet sich an der Stelle des ELA1 (Ariane 1). Ursprünglich war geplant, diesen für die Vega umzubauen, doch letztendlich wurde es fast ein Neubau. Leider rostet unmittelbar daneben das alte ELA2 (Ariane 4) weiter ungenutzt im tropischen Klima vor sich hin – Nachnutzung nicht in Sicht. Wann Arianespace das Feststoffbooster der kleinen Vega das erste Mal zünden und damit die Rakete starten wird, steht noch ein wenig in den Sternen. Denn letztlich ist auch die Frage berechtigt, wer heute noch so kleine Nutzlasten für den LEO benötigt und ob die Vega mangels Nachfrage ausgelastet werden kann.
Wesentlich bessere Chancen auf einen baldigen Erststart von Kourou hat hingegen die Sojus. Motiviert durch die Tatsache, dass man auf Grund der äquatornahen Lage Kourous mit der Sojus bis zu 3 Tonnen vergleichsweise kostengünstig in den GTO bringen kann, finanzieren ESA, Arianespace und EU seit 2006 den Bau ihres eindrucksvollen neuen Startplatzes ELS (Ensemble de Lancement Sojus). Er liegt mitten im Dschungel ca. 10 Kilometer nordwestlich des Startplatzes ELA3 (Ensemble de Lancement Ariane 5).

Am Bau beteiligt waren zahlreiche Firmen aus Europa und Russland, darunter – durch Roscosmos beaufsichtigt – auch Lavochkin und NPO. Allerdings sind deren Aufgabenbereiche teilweise so streng umrissen und voneinander abgegrenzt, dass man durch manche Türen heute nur noch gehen darf, wenn man einen russischen Pass sein eigen nennt, durch andere hingegen nur, wenn man das französische Pendant besitzt. Dies konnten wir bei der Besichtigung des Startplatzes durchaus schmunzelnd in Augenschein nehmen.

Die Sojus erhält ein eigenes Kontrollzentrum (CDL Sojus), nur etwa 800 Meter von der Rampe entfernt und durch Betonwände von 2 Meter Dicke vor eventuellen Fehlstarts und Explosionen geschützt. Die Startrampe für die Sojus ist nahezu fertig gestellt und für die ersten Tests bereit. Der große Arbeitstisch unter der Rakete kann komplett in den Fels hinein gefahren werden und so beim Start den Weg für den Gasstrahl in den riesigen Ablenkungskanal frei geben. Dieser Abgaskanal schützt wie auch bei der Ariane 5 die Umwelt zumindest insoweit, dass der nahe Dschungel nicht in Mitleidenschaft gezogen oder gar verbrannt wird. Die gesamte Anlage ist – abgesehen von der Farbgebung, die nicht wie in Russland bisher üblich in militärischem grün, sondern in freundlichem blau / gelb gehalten wird – nahezu eine identische Kopie der Sojus-Startanlagen aus Baikonur. Auch die Rakete wird auf einer Art großem Eisenbahnwagon vom ca. 500 Meter entfernten Integrationsgebäude (MIK) zur Rampe gefahren und dort hydraulisch aufgerichtet. Einziger Unterschied zu Baikonur ist, dass die Nutzlast erst auf die stehende Rakete montiert wird. Das dafür notwendige mobile Integrationsgebäude – der Shelter – ist leider noch nicht fertig, so dass der ursprünglich für Juni 2010 vorgesehene Erststart wohl eher auf Anfang 2011 verschoben werden wird. Dies wurde uns vor Ort durch einige Ingenieure bestätigt.

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