RC-Interview

Protagonisten für die Mondlandung  
Anlässlich der 27. Neubrandenburger Tage der Raumfahrt hatte RC Gelegenheit, mit dem ersten Direktor des Space and Rocket Centers in Huntsville, Edward O. Buckbee, ins Gespräch zu kommen.

RC: Was hat Sie bewegt, sich 1958 der Raumfahrt zuzuwenden?
Edward O. Buckbee: Ich wurde in der USArmy zum Redstone-Arsenal nach Huntsville, Alabama, versetzt. Als die NASA organisiert wurde, wechselte das von Braun-Team von der Army zur neu gebildeten NASA, um im Raumfahrtprogramm zu arbeiten.

RC: Als die Astronauten für das Mercury-Programm ausgewählt wurden, hatten Sie da auch den Wunsch Astronaut zu werden?
Edward O. Buckbee: Oh ja, natürlich wollte auch ich Astronaut werden, aber ich war nicht qualifiziert. Mir war klar, dass ich im Raumfahrtprogramm mitmachen und mit dem von Braun-Team zum Mond wollte.

RC: Welche Aufgaben erfüllten Sie bei der Vorbereitung und Durchführung des Mercury-Programms.
Edward O. Buckbee: Ich war zuständig für die sieben Astronauten des Mercury-Programms. Sie waren sehr begierig, von Braun kennenzulernen und die Brennversuche der Mercury-Redstone-Triebwerke zu beobachten. Sie hatten solche Brennversuche von Raketentriebwerken noch nie gesehen. Mit Alan Shepard und Walter Schirra war ich über viele Jahre bis zu ihrem Tod befreundet.

RC: Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Start und Flug von Juri Gagarin?
Edward O. Buckbee: Da war Enttäuschung, denn ich wusste, dass wir mit Alan Shepard auf einer Redstone den ersten Astronauten hätten fliegen können. Aber weil vorher eine Fehlfunktion auf getreten war, hatte von Braun entschieden, dass vor Shepards Flug noch eine unbemannte Mission stattfinden musste. Diese Entscheidung gab den Russen die Chance, die ersten zu sein, einen Menschen auf einer Rakete fliegen zu lassen.

RC: Sie haben einige Zeit mit Wernher von Braun gearbeitet. Was können Sie uns über seine Persönlichkeit, seinen Charakter mitteilen? Vielleicht können Sie auch Anekdoten über Ihn erzählen.
Edward O. Buckbee: Den Historikern ist bisher kaum ein Mensch vorgekommen, der gleichermaßen die Begabung als Wissenschaftler und Manager hat. Wernher von Braun hatte diese Eigenschaft, und viele sehen ihn als einen der erfolgreichsten und effektivsten Manager von US-Technologieprogrammen in Friedenszeiten. Als Wegbereiter der bemannten Raumfahrt hat er seinen Traum verwirklicht, Menschen in den Weltraum fliegen zu lassen.
Hier ist eine Anekdote: Wernher von Braun leitete und managte das Saturn-Apollo-Programm. Er verwaltete Milliarden-Ausgaben für den Flug zum Mond, aber er hatte nie genug Geld auf unseren gemeinsamen Dienstreisen mit. Wenn er im Restaurant bezahlen sollte, suchte er in seinen Taschen vergeblich danach, so bezahlte ich seine Suppe und sein Sandwich. Jeweils nach unserer Rückkehr nach Huntsville schrieb seine Sekretärin Bonnie Holmes diese Unkosten auf seine Spesenrechnung, und man erhielt einen Scheck über die Auslagen für von Brauns Verzehr. Viele dieser Schecks wurden nie eingelöst, weil seine Kollegen lieber seine Unterschrift als Souvenir behalten wollten.

RC: Bleiben wir bei von Braun. Wie war die Arbeitsatmosphäre in seinem Umfeld?
Edward O. Buckbee: Es war aufregend und jeder Tag eine Herausforderung. Kein Tag verging, ohne dass ein Wissenschaftsautor oder Fernsehreporter ein Interview von ihm wollte. Gleichzeitig autorisierte er die Flugfreigabe seiner Saturn-V für die Bodenmannschaften am Cape, um neun verschiedene Apollo-Besatzungen aus dem Erdorbit in Richtung Mond zu bringen. Keine andere Person in einem anderen Land hat jemals dieses Kommando an die Apollo-Astronauten autorisiert: „Freigabe für den Einschuss in die translunare Trajektorie!“

RC: Wie erlebten Sie die Landung von Apollo 11?
Edward O. Buckbee: Ich hatte wirklich erwartet, dass es einen Abbruch der Apollo-11-Mission geben könnte. Es gab so viele Ungewissheiten, die kritische Abstiegsphase sowie Annäherungs- und Landeprobleme, die geschehen konnten und z. T. auch eintraten.
Aber wie von Braun oft feststellte, wenn der Mensch Teil des Regelkreises ist („man-in-the-loop“), man also einen Piloten hat, dann ist die Erfolgswahrscheinlichkeit wesentlich größer als ohne. Neil Armstrong garantierte den Erfolg, indem er nicht am vorher bestimmten Punkt landete, sondern sich für eine günstigere Stelle entschied – mit Treibstoff für noch 13 Sekunden.

RC: Welche Gefühle bewegten Sie und viele Amerikaner nach der Landung von Apollo 17?
Edward O. Buckbee: Es war der Höhepunkt von acht Jahren harter Arbeit und Hingabe an die Mission. Wir erreichten das Ziel, innerhalb einer Dekade einen Menschen zum Mond zu bringen und erfüllten damit Präsident Kennedys Ziel. Wir besiegten die Russen in dem alles umfassenden Wettlauf zum Mond. Wir bewiesen uns und der Welt, dass wir eine nie dagewesene technologische Herausforderung annehmen und sie erfolgreich bestehen können. Es war eine Kombination aus deutschem Scharfsinn, amerikanischem Ingenieursgeist und Stolz. Jedoch betrübte es uns auch zu wissen, dass wir unsere Astronauten nicht auch zu anderen kühnen Zielen jenseits des Erdorbits fliegen lassen konnten. Es war das Ende einer Ära. Arthur C. Clarke drückte es später so aus: „Apollo wird wohl die einzige Errungenschaft unserer Generation sein, an die man sich in 1.000 Jahren erinnern wird.“

RC: Warum konnte aus Ihrer Sicht das Space Shuttle nicht voll wiederverwendungsfähig entwickelt werden?
Edward O. Buckbee: Das Space Shuttle war für zu viele Nutzer-Anforderungen gebaut worden – die NASA, die Air Force und für kommerzielle Kunden. Der Gedanke, das Shuttle würde zahlreiche Nutzlasten aus dem Weltraum zurückbringen können, war völlig überzogen. Wir hätten von Brauns Entwurf verfolgen sollen, einen Shuttle nur für Passagiere zu entwickeln, und die Saturn-V als Schwerlast-Träger zu nehmen. Folglich wurde der Betrieb des Shuttle extrem teuer, und man brauchte quasi eine Armee von Leuten, um es jeweils auszurüsten und zu betanken.

RC: Warum existieren heute in den USA keine Raumflugkörper, die die bemannte Raumfahrt fortsetzen können?
Edward O. Buckbee: Wir alle haben einen Riesenfehler begangen, das Space Shuttle abzuschaffen, ohne ein neues bemanntes und einsatzfähiges NASA-Fluggerät zu haben. Auch haben wir nicht erwartet, dass das Constellation-Programm gestrichen würde. Man hätte mindestens zwei einsatzfähige Shuttles behalten sollen. In der Tat zahlen wir nun buchstäblich dafür. Zum ersten Mal in der Geschichte der amerikanischen bemannten Raum fahrt haben wir keinen Träger, um in den erdnahen Orbit zu gelangen.

RC: Mit welcher historischen Persönlichkeit der Raumfahrt würden Sie heute gern zusammentreffen und warum?
Edward O. Buckbee: Mit den Gebrüdern Wright, weil sie Visionäre, Ingenieure und Erfinder waren, die die Fliegerei in den USA in Gang gebracht haben. Das war ein bedeutender Meilenstein, der Beginn der Luftfahrt in den USA, die dann mit Hilfe Wernher von Brauns zur Raumfahrt führte. Im Juni 2003 wählten 100 Spitzenvertreter der Luft- und Raumfahrt weltweit die wichtigsten Persönlichkeiten mit dem meisten Einfluss und der größten Faszination – Wilbur und Orville Wright kamen an die erste Stelle und Wernher von Braun an die zweite. Acht weitere Gewählte sind auf Raketen geflogen, die von ihm entwickelt worden waren.

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